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Die Vernünftige

23. Februar 2010

Die Wahrheit ist, dass sie nicht an die Liebe glaubt. Sie sehnt sich danach und fragt sich oft, wie es wohl wäre, wenn… Doch sie wagt es nicht, ihr Innerstes einem anderem Menschen vollständig zu öffnen. Die Realität lässt sich schließlich nicht verdrängen und da scheint die Liebe keinen Bestand zu haben. Gefühle kommen, Gefühle gehen.

Sie hat geliebt, aufrichtig und treu. Doch nie, wirklich niemals hatte sie das Gefühl, sich in der Liebe zu verlieren. Ohne den Anderen nicht sein zu können. Ihr Herz ist sicher verschanzt hinter einem sorgsam errichteten Schutzwall aus Vernunft und Pragmatismus. Der Raum dahinter ist gleichwohl nicht frei von Sehnsucht und Melancholie. Aber wer weiß, welche Enttäuschung hereinbrechen könnte, würde sie die Liebe hereinlassen.

Vielleicht würde sie es ja sogar tun. Doch sie hat noch niemals einen Menschen getroffen, der sie dazu gebracht hätte. Vielleicht kann sie es garnicht? Und letztlich zweifelt sie ohnehin daran, dass es sie tatsächlich gibt, diese mystische Liebe.

Natürlich, der Mensch sehnt sich danach, wie er sich auch nach einem Leben nach dem Tod sehnt. Und ist das nicht verständlich? Letztlich sind wir doch mit unseren Gedanken und Gefühlen allein, ganz egal, wie nahe wir einem anderen Menschen sind. Wir können nicht jeden Gedanken und jedes Gefühl teilen. Unser Geist ist wie eine Insel und wir statten uns auf unseren Inseln gegenseitig Besuche ab, doch bewohnen können wir sie nur allein. Das ist die letzte Konsequenz. Logisch, rational.

Sie tröstet sich mit dem Gedanken, dass das im Grunde nicht weiter schlimm ist. Wahrscheinlich muss es sogar so sein. Und es ist ja nicht so, als würden wir in der Einsamkeit unserer Gedanken vergehen. Dann wäre schließlich unsere ganze Existenz sinnlos. Ebenso wenig schreckt sie der Gedanke, dass sich ihr Bewusstsein im Tod für immer im Nichts verliert. Man ist einfach nicht mehr da, aber das heißt ja auch, dass man nicht leiden kann. Man ist einfach nicht mehr. Das ist unter Umständen für diejenigen schwer, die bleiben. Aber man selbst hatte seine Zeit und dann verschwindet man eben, löst sich auf in dem ewigen Mysterium des Seins.

Aber die Liebe? Warum sollte es sie geben? Weil wir es uns unbedingt wünschen? Welche Macht im Universum sollte wohl entscheiden, dass zwei Menschen zusammengehören? Wenn eine solche Macht denn überhaupt existieren würde, so wäre doch das Schicksal zweier Lebewesen, die weniger als ein aufblitzendes Staubkorn im Gefüge des Universums sind, für sie vermutlich völlig irrelevant. Wie dem auch sei, die Liebe wäre einfach zu schön, um wahr zu sein.

Mit dieser Überzeugung kann sie wohl ganz gut leben, denn die Alternative ist ihr einfach zu abwegig, zu gewollt, zu unwahrscheinlich, als dass sie sich der Illusion hingeben könnte. Natürlich kann sie sich auf andere Menschen einlassen und sie lieben. Aber ihre Vorstellung von Liebe entspricht eben nicht dem Ideal, in ihrem Inneren bleibt stets ein Raum, der nur ihr allein gehört. Die Sehnsucht aber lässt sich nicht vollkommen unterdrücken. Wer weiß, immerhin ist niemand allwissend. Und vielleicht wird sie ja doch irgendwann einen Menschen treffen, der ihr Überzeugung widerlegt.

Ein Kommentar

  1. Interessante, nachdenklich machende Geschichte!

    Danke dafür!



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